Einmal mehr habe ich mich von Jon Kabat-Zinn inspirieren lassen. Kein Wunder – er ist ein wahrer

Pionier der Meditation und der Begründer der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion. Die

Geschichte dazu ist eigentlich ganz spannend: in seiner Zeit als Arzt machte es ihn traurig, Patienten

nicht vollständig heilen zu können. Allerdings übte er in seiner Freizeit Zen-Meditation aus und

wusste um dessen Vorteile – weswegen er seinen Zen-Meister darum bat, die Achtsamkeit aus ihrem

spirituellen Kontext zu lösen und in eine Form der Verhaltenstherapie einbetten zu dürfen. Er erhielt

die Erlaubnis dazu, was gleichzeitig die Geburtsstunde des MBSR („Mindfulness Based Stress

Reduction“) war. Kabat-Zinn etablierte ein 8-wöchiges Programm, das weltweit an Achtung gewann

und Anwendung fand… bis heute.

„Nichts ist interessanter als der aktuelle Moment“. Das hat Kabat-Zinn ganz richtig gesagt…und nicht

nur das, das „Jetzt“ ist auch der einzige Ort, an dem wir leben KÖNNEN. Denn es ist nicht möglich, in

der Vergangenheit oder der Zukunft zu leben, auch wenn wir uns das so oft wünschen. Es passiert

immer wieder, dass ich aus einem Workshop gehe und mir Dinge einfallen, die ich gerne anders

gemacht hätte: einen Satz, den ich gern anders formuliert hätte; eine Frage, auf die ich gern mehr

eingegangen wäre. Im Endeffekt nur Kleinigkeiten – denn niemand ist perfekt! Und genau deshalb

hänge ich mich auch nicht daran auf, denn ich kann es eh nicht mehr ändern.

Und wer würde nicht gerne in seine Zukunft sehen können? Malst du dir nicht auch oft aus, wie du

im Sommer im Urlaub am Strand liegst, wie du deinen Lieblingskuchen backst oder wie wohl das

neue Album deiner Lieblingsband klingt? Das sind zwar sehr schöne Gedanken – dennoch besteht die

Gefahr, dass du dich darin verlierst und du das was eigentlich zählt, nämlich der Moment, in dem du

dich gerade befindest, vergisst und er verloren geht. Das wäre doch schade. Denn stell dir vor du

bleibst einfach mal im „Jetzt“ – du denkst auf dem Weg zur Arbeit nicht an die Aufgaben, die du über

den Tag erledigen möchtest, sondern du siehst dich bewusst im Bus oder der Strassenbahn, auf der

Strasse oder im Zug um – was du alles erleben kannst! Vielleicht hat die Bäckerei-Verkäuferin, bei der

du morgens deinen Kaffee kaufst, einen neuen Lippenstift, vielleicht steht hoch am Himmel ein

Regenbogen oder ja, vielleicht verteilt sogar jemand gratis Zuckerwatte…also ich möchte das auf

keinen Fall verpassen. Wenn wir dem Jetzt unsere volle Aufmerksamkeit schenken, dann leben wir

auch im Jetzt.

Auch Ellen Langer, von der ich in meinem Blog „Die Kraft unserer Gedanken“ bereits erzählt habe,

hat dazu etwas gesagt. Ihre Kernaussage ist im Wesentlichen, dass wir viel mehr lernen können, dass

wir insgesamt glücklicher sind und erst dann die Leute um uns herum bemerken können, wenn wir

den Moment nicht aus den Augen verlieren. Und dass es sich in diesem Zusammenhang auch lohnt,

achtsam zu sein: „Achtsamkeit bedeutet, alles Neue bewusst wahrzunehmen. Wer sich darum

bemüht, ist automatisch in der Gegenwart. Es macht einen sensibler für den Kontext und die

Perspektive von Dingen - schon allein, weil man sich dabei wirklich auf das einlassen muss, was um

einen herum passiert. Das gibt einem Kraft und kostet keine Energie.“ (Harvard Business Manager,

2014)

Das Traurige daran, wenn du in der Vergangenheit gefangen bist oder nur daran denkst, was dir

bevorsteht, ist, dass deine Gegenwart einfach ungelebt bleibt – und verloren geht. Du verschenkst

deine eigene Zeit, und dir entgeht so viel Schönes, weil es dir einfach nicht auffällt. In einem

Interview sagte Kabat-Zinn (Im Gespräch mit Jon Kabat-Zinn, 2017) auch: „Die Qualität unserer

Freude und unseres Wohlbefindens […] hängt davon ab, wie gut wir uns selbst kennen und wie wohl

wir uns mit diesem Wissen fühlen. Dieses Wissen beinhaltet, um das Geheimnis des Nicht-Wissens zu

wissen. Es ist im Grunde völlig jenseits des Denkens und führt uns in die zeitlose Erfahrung des

gegenwärtigen Moments. Es lädt uns ein, im gegenwärtigen Augenblick zu verweilen, Wachheit

durch Nicht-Tun zu verkörpern oder, wenn es angebracht ist, durch Tun – in dem einzigen Moment,

den wir je haben, nämlich diesen einen jetzt.“ Damit will er auf das Prinzip der Achtsamkeit hinaus:

Denn wie kannst du dich selbst kennenlernen, wenn du nicht bereit bist, deinem Geist bewusst zu

begegnen? Und wie könntest du einen Moment besser erleben, als wenn du dazu in der Lage bist,

jede innere und äussere Erfahrung vorurteilsfrei zu registrieren und zuzulassen? Dir liegt die Welt zu

Füssen – und noch mehr hast du von ihr, wenn du nur immer die Augen offenhältst und du sie dir

auch ansiehst.

Literaturverzeichnis

Harvard Business Manager. (2014). Das Leben besteht aus Augenblicken. Interview mit Ellen Langer.

Harvard Business Manager, (4), 34–44. Zugriff am 03.07.2019. Verfügbar unter

https://www.harvardbusinessmanager.de/heft/artikel/das-leben-besteht-aus-augenblicken-a-

965525.html

Im Gespräch mit Jon Kabat-Zinn. (2017). momentbymoment, 55–63. Zugriff am 04.07.2019.

Verfügbar unter https://www.mbsr-

verband.de/fileadmin/user_upload/PDF/momentbymoment_01-

2017_interview_jonkabatzinn.pdf

Ursula B. Stein (Ursula B. Stein, Hrsg.).. MBSR – der 8-Wochen-Kurs nach Jon Kabat-Zinn. Zugriff am

03.07.2019. Verfügbar unter https://www.achtsam-leben.eu/aml-stressbewaeltigung-mbsr.php