Eine grundlegende Frage, die sich Psychologen schon seit vielen Jahren stellen: Was passiert eigentlich in unserem Gehirn? Eine exakte Antwort hat man darauf bis heute nicht gefunden. Dabei sind sich allerdings beinahe alle Wissenschaftler sicher: Unsere Gedanken spielen eine wesentliche Rolle. Auch ich beschäftige mich oft mit diesem Thema, und ich frage mich, was ich überhaupt so denke immer und wie ich über mich und andere denke. Weil mich das so interessiert hat, habe ich viel recherchiert, und diese zwei Studien der amerikanischen Harvard-Psychologin Ellen Langer sind mir dabei deutlich in Erinnerung geblieben: 

Die erste Arbeit befasste sich mit einem Experiment, in dem sie eine Gruppe von Zimmermädchen, die alle angaben, eher wenig Sport zu treiben, untersuchte. Sie teilte sie in zwei Gruppen auf: der ersten Gruppe, also der Kontrollgruppe, erzählte sie nichts. Sie untersuchte sie nur auf ihre körperlichen Bedingungen vor und nach dem Experiment, Kommunikation fand kaum statt. Interessant wird es allerdings bei der zweiten Gruppe mit der Versuchsbedingung: zu diesen Mädchen meinte sie, dass sie eine wirklich körperliche Arbeit verrichten, und redete auf sie ein, wie viel Sport sie damit so den ganzen Tag eigentlich leisten. Ihnen wurde direkt mitgeteilt, dass ihre Arbeit mit einem Geräte-Training im Fitness-Studio vergleichbar sei. Nach drei Monaten wurden wiederum ihre körperlichen Merkmale gemessen. Bei der Kontrollgruppe hatte sich nichts verändert. Wirklich erstaunlich war, dass sich bei der Versuchsgruppe sowohl Body-Mass-Index, als auch der Blutdruck im Vergleich zu den Werten vor dem Treatment verbessert haben. Sie haben richtige Muskeln aufgebaut, litten an weniger Krankheiten und wurden allgemein fitter: und das ganz allein durch den gedanklichen Fokus. Das zeigte mir, dass mein Kopf einen riesigen Einfluss auf meinen Körper und mein Wohlbefinden hat.

Auch Langers zweite Studie machte grossen Eindruck auf mich. Dieses Mal ging es um einige ältere Männer, die in etwa 80 Jahre alt waren und entweder einem Altersheim angehörten, oder bei Angehörigen lebten. Sie waren es also gewohnt, dass Alltags-Arbeiten wie aufräumen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, kochen und Rasen mähen für sie verrichtet wurden. Zu Versuchszwecken veränderte man nun ihre Umgebung grundlegend. Sie erhielten also keine Hilfe mehr; sämtliche im Haushalt anfallenden Aufgaben mussten sie auf sich allein gestellt erledigen. Sie mussten z.B. auch ihre Koffer bei der Ankunft in den Versuchsräumen selbst nach oben tragen, trotz aller Schwierigkeit und Mühsal. Auch ihr Lebensraum wurde angepasst: sämtliche Möbel, elektronischen Geräte, ja sogar die Zeitschriften und die Radiosender und Fernsehkanäle wurden an das Jahr 20 Jahre vorher angepasst. Bereits an dieser Stelle fand man bei allen Testpersonen verbesserte Vitalwerte. 

Nun teilte man sie wieder auf in eine Kontrollgruppe und eine Versuchsgruppe. Die Kontrollgruppe sollte beim regelmässigen Gespräch mit einem der Forscher rückblickend von ihrem Leben 20 Jahre vorher erzählen. Die Teilnehmer der Versuchsgruppe allerdings sollten so tun, als lebten sie wieder in eben dieser Zeit und dementsprechend in der Gegenwartsform davon erzählen - sie durften also „die Zeit zurückdrehen“ und sich mal wieder richtig jung fühlen.

Bereits eine Woche später wurden die Unterschiede in den Gruppen deutlich: bei der Versuchsgruppe stellte man eine signifikant grössere Verbesserung der physikalischen Merkmale. Sie konnten besser hören und sehen, die Gedächtnisleistung wurde gesteigert aber auch die körperliche Kraft und manuelle Geschicklichkeit erhöhten sich.

Die Macht unserer Gedanken wurde für mich in diesen beiden Studien wirklich sehr deutlich. Deshalb frage ich mich immer, ob meine momentanen Gedanken wirklich förderlich oder eher hinderlich sind, und ob es gerade hilfreich ist beispielsweise zu denken, ich sei nicht gut genug für etwas. In den allermeisten Fällen ist das eben nicht der Fall…und nachdem, was ich von Ellen Langer gehört habe, ist mir noch klarer geworden, wie sehr ich mich dadurch selbst sabotiere. 

Es ist wirklich interessant, was unser Gehirn alles kann. Gerade deswegen mache ich meine Resilienz-Trainings: ich will zeigen, wie plastisch unser Gehirn eigentlich ist, welchen Einfluss es auf unser Wohlbefinden hat und wie leicht es sich an den Moment, in dem wir gerade leben, anpassen kann. Besonders freue ich mich immer auf die Reaktionen und Aha-Momente der Teilnehmer, und das Leuchten in ihren Augen, wenn auch sie diese Erkenntnis haben.

Wir haben es also selbst in der Hand – was wir denken, wie wir handeln, und damit auch wie wir uns fühlen und wie unser ganzes Leben verläuft.


Zum Video geht’s mit einem Klick auf das Bild:



Langer, E. J. (2015). Mindfulness. Das Prinzip Achtsamkeit. München: Vahlen. (Überarbeitete Neuauflage von „Mindfulness“, 1989)