„We suffer more in imagination than in reality” („In Gedanken leiden wir stets mehr, als in der Realität“) – weise Worte, die der altrömische Philosoph Seneca sprach. Ein sehr beeindruckender Mann übrigens, er verfasste Schriften für die Stoa (das kann man sich vorstellen wie eine altrömische Schule) und lebte auch nach deren Grundsätzen: Selbstbeherrschung und Gelassenheit, Suchen eines Mittelweges, und das Halten einer heiteren Distanz von Leidenschaft, ein massvolles Leben also. Noch beeindruckender ist jedoch traurigerweise sein Tod: er nahm sich selbst das Leben, auf die Aufforderung seines Zöglings und späteren römischen Kaisers Nero hin, welcher ihn (unrechtmässig!) der Verschwörung bezichtigte. Senecas Erziehung des Nero blieb bekannterweise ja fruchtlos, dieser wurde ein überaus grausamer Herrscher.

„We suffer more in imagination than in reality” – diese Worte machen mich nachdenklich. Denn es passiert mir immer wieder, das „Zerdenken“. Es sind ganz alltägliche Situationen, bevorstehende Treffen mit mir unbekannten Menschen, oder einfach schmerzhafte Erinnerungen an bereits Erlebtes, welche mir traurige Gedanken bereiten. Ich gehe verschiedene Szenarien durch, male mir das absolut Schlimmste aus und lasse meine ganze Stimmung von dieser Negativität beeinflussen. Und das Paradoxe daran: Nichts davon ist real! Es ist alles nur in meinem Kopf! Das muss ich mir stets bewusst machen. Wenn ihr zum Beispiel daran denkt, wie ihr euer Lieblingsobst zerteilt, ein besonders frisches und saftiges Exemplar, ihr stellt es euch ganz genau vor, seinen Geruch, den süssen Geschmack, wie ihr hineinbeisst…läuft euch da nicht auch das Wasser im Mund zusammen? Dabei liegt es noch gar nicht vor euch, sondern noch irgendwo im Supermarkt-Regal.

Worauf ich hinaus will: Es ist für uns gar nicht greifbar, gar nicht physisch, gar nicht real. Und trotzdem empfinden wir bereits die damit verbundenen Gefühle. Eigentlich ein schöner Gedanke, verbunden mit schönen Gefühlen – doch das Gleiche tun wir leider auch mit den schlechten Dingen in unserem Leben.

Eine gute Freundin von mir leidet am meisten in ihren Träumen. Dort jagen sie alle ihre Ängste und Unsicherheiten, und verdingen sich in total surrealen Szenarien und Verbildlichungen, sodass sie schweissgebadet und desorientiert aufwacht, und sich erstmal klar machen muss, dass ihr ihr Kopf nur einen Streich gespielt hat und nichts vom gerade gesehenen sich in der Realität abgespielt hat oder jemals abspielen wird. Ihr Gehirn war einfach nur gemein zu ihr…das sag ich ihr auch jedes Mal wieder.

Wenn wir also das nächste Mal abends im Bett über das Bewerbungsgespräch am nächsten Tag, über ein Date, eine bevorstehende Prüfung und damit über potentielles Versagen nachdenken, oder uns traumatische und traurige Erinnerungen in den Kopf schiessen und wir über all das Traurige und Schmerzhafte in unserem Leben nachdenken: Vergessen wir es gleich wieder, weg mit der Negativität, denn gerade in diesem Moment liegen wir in unserem kuscheligen, warmen Bett, ganz weit weg von alledem.

Machen wir uns lieber Mut! Denken wir daran, wie gut es uns geht, welche Chancen wir noch haben und dass es immer einen Weg gibt. Wenn sich eine Tür schliesst, öffnet sich eine andere. Solange wir uns unseres Selbst sicher sind und wir uns selbst lieben, kann uns keiner etwas anhaben, nicht einmal der schlechte Gedanke: denn wir beschützen uns selbst! Wir sind für uns selbst da.

Lasst es uns genauso machen, wie es Seneca getan hätte: lasst uns unsere negativen Gedanken zurückhalten und sie massregeln, denn sie wollen uns nichts Gutes – und wer uns nichts Gutes will, ist in unserem Kopf nicht willkommen!

Gab es in eurem Leben auch schon Situationen, in denen sich eure Ängste als unberechtigt herausgestellt haben? Und was bereitet euch schöne Gedanken?