Jeder kennt das Gefühl: das Herz pocht gegen die Brust, man fühlt sich eingeengt, die Kehle ist wie zugeschnürt…man hat Angst. Das passt auch gut zur wörtlichen Übersetzung: Das Wort „Angst“ stammt vom althochdeutschen „angust“ bzw. vom lateinischen „angustus“, was so viel bedeutet wie „Enge“ oder „Bedrängnis“.

Das Gefühl der Angst ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig; jeder hat vor etwas Angst. Sei es Angst vor der bevorstehenden Prüfung, die Angst vor Spinnen, Angst davor, einen geliebten Menschen zu verlieren, oder die Angst vor dem Ertrinken – es gibt sie in jeder Form, in jeder erdenklichen Art und Weise und in jeder möglichen Situation bei den verschiedensten Personen. Und an sich, aus rein biologischer Perspektive, ist die Angst auch sinnvoll: sie ist evolutionär bedingt. Die schiere Angst ums Überleben, wenn man beispielsweise vor einem gefährlichen Raubtier steht, kann dir den Hals retten. Durch den dadurch ausgelösten Überlebensinstinkt fängst du nämlich an, davonzulaufen oder bereitest dich auf den bevorstehenden Kampf vor - und kannst der Gefahr so möglicherweise entkommen.

Ein sehr bekannter, renommierter Psychologe, der dieses Thema ebenfalls erforschte, war Sigmund Freud. Zunächst beschrieb er sie als einen Gefühlszustand, der durch die Unterdrückung der sexuellen Triebe hervorgerufen wird (Freud 1926). Später aber berief er sich stattdessen auf drei Arten von Angst (bei denen er auch Bezug nahm auf seine Instanzenlehre):

  1. Die Realangst: Das ist die Angst ums Überleben, die ich dir gerade schon beschrieben habe. Sie löst den Selbsterhaltungstrieb aus, oft gekoppelt mit einer Ausschüttung des Hormons Adrenalin, und kann dir das Leben retten.

  2. Die neurotische Angst: Diese Angst ist weitestgehend unbegründet. Hierunter fallen Phobien, wie z.B. der Agoraphobie (Angst vor öffentlichen Plätzen), Klaustrophobie (Angst vor engen bzw. geschlossenen Räumen) oder die Arachnophobie (Angst vor Spinnen); oder sogar Panikstörungen, in denen die Angst einfach ganz plötzlich und ohne ersichtlichen Auslöser auftritt (Becker 2011).

  3. Die Gewissensangst: Sie entsteht, wenn du deine Wünsche nicht mit deinem Gewissen vereinbaren kannst. Das klingt abstrakt: vereinfacht gesagt geht es hier um Scham & soziale Angst. Die Reaktion hierauf ist dann die Anpassung unseres Verhaltens (Krohne 2010). Ein Beispiel: deine Oma hat dir zu Weihnachten einen Pulli geschenkt, den sie selbst gestrickt hat. Allerdings, weil deine Oma jetzt eben doch schon ein wenig in die Jahre gekommen ist, ist er ziemlich altmodisch und kratzig noch obendrein. Aus Angst jedoch, die Gefühle deiner Oma zu verletzen und damit einen Liebesentzug zu riskieren, lügst du sie an und sagst ihr, wie schön du den Pulli doch findest. Am nächsten Morgen ist es furchtbar kalt, es schneit und du musst in die Arbeit. Du möchtest etwas Warmes anziehen; doch beim Griff in den Schrank wählst du nicht Omas selbstgestrickten Pulli, aus Angst, dich vor deinen Kollegen zu blamieren…du hast also gleich zweimal aus Angst dein Verhalten angepasst.

Ihr seht schon, das Thema „Angst“ ist ein enorm weites Feld, das schon lange Zeit erforscht wird. Doch wovor fürchten wir uns? Meistens doch vor etwas, das in der Zukunft liegt, vor einer Situation oder einem bestimmten Ereignis, das uns noch bevorsteht. Aber wie sinnvoll ist sie denn dann? Nehmen wir nicht etwas vorweg, was uns noch gar nicht betrifft? Damit wären wir auch wieder beim Thema des letzten Blogs – wir sollten uns nicht von Dingen beeinflussen lassen, die noch gar nicht passiert sind, denn so vergessen wir, den aktuellen Moment zu geniessen.

Auch im Blog über die Smartphone-Abhängigkeit ging es um eine Form der Angst, nämlich um die Angst vor uns selbst. Wir laufen vor unserer eigenen Person davon. Ein gutes Beispiel dafür ist Will Hunting aus dem Film „Good Will Hunting“. Er ist ein Gefangener seiner Seele: er musste Traumatisches erleben in seiner Kindheit, denn sein Vater missbrauchte ihn und seine Mutter. Dadurch wurde er immer verschlossener und vermied jegliche Art tiefer emotionaler Bindung. Doch in Wirklichkeit ist er hochintelligent, nur kann er sein Potential nicht entfalten, da er sich hinter einer Maske aus Rebellion und Arroganz versteckt. Nach einer Prügelei entgeht er dem Gefängnis nur unter der Bedingung, einen Therapeuten aufzusuchen; und nach dem 5. Anlauf landet er bei dem Psychologen Sean Maguire (übrigens gespielt von Robin Williams), welcher nach einigen konfliktreichen Sitzungen Folgendes zu ihm sagt: „[…] Ich könnte von dir nichts erfahren, was ich nicht auch in irgendeinem Scheiss Buch nachlesen könnte… es sei denn du erzählst über dich selbst, wer du bist. Das würde mich faszinieren, da bin ich dabei. Aber du hast keine Lust, stimmt‘s? Du hast Angst vor dem Ergebnis… du bist am Zug mein Freund.“ Maguire hat ihn durchschaut: Will hat nur Angst davor, hinter die Kulisse zu sehen und einen Blick in sein Inneres zu werfen. Dann müsste er sich nämlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, und damit, wie er ist (Gus Van Sant 1997).

Etwas Ähnliches sagt auch Charles Xavier im Film „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ zu seinem jüngeren Ich: „Nicht ihr Schmerz ist es wovor du Angst hast, sondern deiner, Charles. Und so beängstigend das auch sein mag, dieser Schmerz macht dich nur noch stärker. Wenn du ihn zulässt, ihn fühlst, ihn akzeptierst, dann wird er dich viel stärker machen, als du es dir jemals vorstellen konntest.“ (Bryan Singer 2014) Er fordert sein Alter Ego dazu auf, sich mit seinen negativen Erfahrungen auseinanderzusetzen, genauso, wie es Maguire mit dem kratzbürstigen, verdrängenden Will Hunting tut. Und er verspricht ihm ein neues Ich: ein resilientes, selbstsicheres und starkes Ich.

Keine Angst mehr zu haben bedeutet nicht, dass dir alles egal ist. Es bedeutet, dass du akzeptierst, was auf dich zukommt und dass du weisst, wie du damit umzugehen hast. Wenn du einmal akzeptiert hast, dass du andere Menschen, Orte und Dinge nicht kontrollieren kannst und auch aufhörst, es zu versuchen, kannst du auch in Frieden mit dir und anderen leben. Denn diese Akzeptanz ist der erste Schritt zu emotionaler Freiheit (Taran und Bstan-ʼdzin-rgya-mtsho 2019). Und auch zu deiner eignen Resilienz: du hörst auf, deine Entscheidungen aufgrund von Furcht oder Eifersucht oder Ähnlichem zu treffen. Du findest einen Mittelweg, statt den Weg der Überkompensation, der Aversion, des Wegsehens zu wählen. Du stellst dich der Realität, dem Hier und Jetzt, und zwar gemäss deinen Fähigkeiten und dem, was du aushalten kannst.

Wie fühlst du dich, wenn du Angst hast? Wie reagiert dein Körper? Und hast du vielleicht schon Strategien entwickelt, wie du damit umgehen kannst?

Literaturverzeichnis

Becker, Eni Sabine (2011): Angst. München [u.a.]: Reinhardt (UTB, 3512 : Profile).

Bryan Singer (2014): X-Men: Zukunft ist Vergangenheit. Originaltitel: X-Men: Days of Future Past. Mit Hugh Jackman, James McAvoy, Patrick Stewart. Marvel. USA.

Freud, Sigmund (1926): Hemmung, Symptom und Angst. Wien: Internat. Psychoanalyt. Verlag.

Gus Van Sant (1997): Der gute Will Hunting. Originaltitel: Good Will Hunting. Mit Robin Williams und Matt Damon. Lawrence Bender. USA.

Krohne, Heinz W. (2010): Psychologie der Angst. Ein Lehrbuch. 1. Auflage. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

Taran, Randy; Bstan-ʼdzin-rgya-mtsho (2019): Emotional advantage. Embracing all your feelings to create a life you love. First edition. New York: St. Martin's Essentials.