Gibt es den perfekten Plan fürs Leben?


Eine Frage…

Stell dir vor du sitzt in einem Flugzeug von München nach New York. Das Flugzeug besitzt einen Autopiloten, der immer wieder Feinjustierungen am Kurs des Fliegers vornimmt. Was denkst du, zu wie viel Prozent fliegt deine Maschine genau nach Plan? 80%? 90%? Oder hast du sogar vollstes Vertrauen in die Technik und sagst 100%? 


Das hättest du wohl nicht gedacht!

Die richtige Antwort lautet: 0%! Also nie! Das Flugzeug befindet sich nie genau auf Kurs, es muss pro Sekunde etwa 1000 mal den Kurs ändern (Dobelli 2018) und sich an verschiedene Winde, Temperaturen oder Ähnliches anpassen. Es verbringt die ganze Zeit damit, seinen Flug nach unterschiedlichsten Gegebenheiten auszurichten. 


Der perfekte Coach

Als ich anfing mich persönlich weiterzuentwickeln, in mich zu investieren und mich besser kennenzulernen, mein Selbstvertrauen und meine Selbstakzeptanz zu stärken, dachte ich, dass das irgendwann erledigt ist und ab einem gewissen Zeitpunkt einfach funktioniert. Ich dachte, wenn ich einmal als Coach arbeite, regelmässig meditiere, dann habe ich alles im Griff. Irgendwann bin ich perfekt ausgebildet. So ist es aber nicht!


Von meinem „Rückfall“

Auch wenn ich jetzt schon so viel Zeit und Arbeit investiert habe, hatte ich vor kurzer Zeit einen „kleinen Rückfall“. Wie du weisst, arbeite ich stark an meinen Glaubensmustern, beobachte was ich denke, kann gut Distanz zu meinen Gedanken wahren und dabei auch wahre von trügerischen Gedanken unterscheiden. Doch mit einem Schlag änderte sich sehr viel in meinem Leben: berufsmässig, ich bin umgezogen, Beziehungen änderten sich und nichts war wirklich sicher, ich stand quasi auf „unsicheren Säulen“. Zusätzlich gönnte ich mir zu wenige Pausen, ich hörte auf zu meditieren und gab auch das „intermittent fasting“ auf, ein bestimmter Rhythmus sich zu ernähren, bei der man nur eine gewisse Anzahl an Stunden pro Tag essen darf, obwohl es mir immer sehr guttat. Schon machte ich eine kleine Zeitreise: zurück zu meinem 22-jährigen Ich, das negativ war, ein geringes Selbstbewusstsein hatte, sich selbst nicht akzeptierte und sehr gemein zu sich selbst war. Es traten auch alt bekannte Gedanken meiner damaligen Greatest Hits auf (mehr zu dem Thema im Video „3 Wege wie du dich von deinen Gedanken distanzieren kannst“ (https://www.youtube.com/watch?v=eJbz4TKcGJI&t=13s), wie z.B. „Ich bin dumm!“, „Ich kann das nicht!“ „Meine Freundinnen mögen mich nicht!“, „Ich bin es nicht wert!“. Es schockierte mich richtig, wie ich solche Denkmuster nach so langer Zeit einfach wieder annahm, obwohl ich dachte, sie längst hinter mir gelassen zu haben.


Was der Flieger eigentlich damit zu tun hat

An dieser Stelle kam mir die Geschichte mit dem Flieger wieder in den Sinn: dem Flieger, der immer wieder feinjustiert, sich immer wieder ausrichtet und weiterentwickelt, und der nicht einfach zu Beginn ein Programm einlegt und damit seine Arbeit getan hat und 100% erreicht hat. Ich erkannte, dass das ganz ähnlich bei mir war: die Winde änderten sich in Form verschiedener Lebenslagen und ich vernachlässigte meine Selbstfürsorge. Ich gab mir auch gar keine Chance, mich an die Veränderungen zu gewöhnen. Und dann ist es passiert: ich wurde passiv-aggressiv, mein Selbstbewusstsein litt, vor allem in Gegenwart fremder Menschen. Sogar an meinen engsten Freundschaften zweifelte ich.


Was ich daraus gelernt habe

Wenn du zum Beispiel ins Fitnesscenter gehst, alle Muskel aufbaust und deinen Traumkörper hast, ist die Sache damit nicht erledigt. Du musst weiterhin trainieren, diese Praxis weiterhin aufrechterhalten, um auch weiterhin mit diesem Selbst zufrieden sein zu können. So funktioniert es auch mit dem Resilienz-Training beziehungsweise der Persönlichkeitsentwicklung und das dürfen wir auch akzeptieren. Es ist eine lebenslange Aufgabe und es hört nie auf.


Der Plan fürs Leben?

Am liebsten würden wir ja unser ganzes Leben von der 1. Minute bis zu unserem letzten Atemzug planen. Einen Masterplan für unser Leben gestalten, in dem wir genau definieren, wen wir heiraten werden, wie unsere Familie aussehen wird, welches Auto wir fahren werden, welchen Job wir ausführen werden und wo wir leben werden. Doch wie wir am Beispiel des Flugzeugs erkennen konnten, ist das schlicht und ergreifend nicht möglich. Es wird immer wieder Veränderungen von aussen oder innen geben, denen wir dann auch gerne gegensteuern dürfen. Du darfst dein Leben wie ein Auto auf der Autobahn sehen: wenn du das Lenkrad loslässt, fährt es womöglich unkontrolliert in unerwünschte Richtungen. Doch du darfst jederzeit das Steuer wieder in die Hand nehmen und selbst entscheiden, in welcher Spur dein Lebensauto fahren soll.


Klingt zwar anstrengend, ist aber eigentlich ein schöner Gedanke

Wir erhalten immer wieder die Chance, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, uns zu hinterfragen, und genau das zu tun, was wir wollen. Es ist wichtig, dass du dein Leben aktiv lebst und dich nicht einfach leben lässt. So viel Zeit vergeht, in der wir unsere Urlaube planen, Reisetipps nachlesen und uns erkundigen, was wir nicht alles Tolles machen können, welche Museen, Events und Parks wir besuchen wollen. Doch währenddessen vergessen wir, unsere Zeit in uns selbst und das natürliche Anpassen unseres Lebens zu investieren. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, dürfen wir gerne lernen, umzuplanen, und zu akzeptieren, dass alles Teil eines Prozesses ist, der immer wieder umgeändert und angepasst werden darf. 


Jede Herausforderung ist Teil eines Prozesses, der keinem Plan folgt und immer wieder umgeändert und angepasst werden darf.


So macht es die Natur uns vor

Unser Körper betreibt in jeder Sekunde wie automatisch Zellteilungen. Dabei passieren allerdings immer wieder Kopierfehler – unser Genmaterial wird nicht einwandfrei dupliziert und muss wieder repariert werden. Unser System kann das - es repariert exakt jede fehlerhafte Zelle. Unser Körper hat keinen Masterplan: er sagt nicht „Perfekt, Jacqueline ist geboren, hat sich erledigt, also auf Nimmerwiedersehen!“, sondern er befindet sich in ständigen Veränderungs- und Verbesserungsprozessen. Würde unser Körper sich nicht immer wieder anpassen, würden wir wenige Stunden nach der Geburt sterben.

Auch unser Immunsystem besitzt kein fixes Konzept: es weiss nicht, wie es welches Bakterium und welche Krankheit zu bekämpfen hat. Natürlich können Viren und Bakterien immer wieder besiegt werden, doch auch sie entwickeln sich immer weiter und greifen uns erneut an. So zwingen sie unser Immunsystem wiederum, sich auch weiterzuentwickeln und anzupassen.


Wenn du dich einmal fühlst wie die 22-jährige Jacqueline…

Um wieder zurück zu meiner persönlichen Erfahrung zu kommen: wenn du dich in einer ähnlichen Situation befindest, darfst du dich auch an die obigen Sinnbilder erinnern und so daran denken, dass sich alles auf der Welt in einem ständigen Entwicklungsprozess befindet. Für mich persönlich habe ich gemerkt, dass dabei nicht acht Jahre Persönlichkeitsentwicklung verloren gegangen sind. Ich habe einige Tools schon verinnerlicht, beispielsweise:

  • Dinge aus einer Metaebene heraus betrachten und mich „von oben“ wie aus einer Vogelperspektive sehen 

  • meinen Gedanken und Gefühlen achtsam zu begegnen und meine Negativität zu erkennen. 

  • „The story I tell myself“ von Brene Brown: dabei behandle ich meine Gedanken wie eine Geschichte, die ich mir gerade selbst erzähle und von der ich auch anderen erzählen kann. Ich sage also: „Die Geschichte, die ich mir gerade erzähle, sagt mir, dass unsere Freundschaft nicht mehr so ist, wie sie war, weil meine Freundin mir (z.B.) nicht zurückgeschrieben hat“ So baue ich mehr Distanz von den eigenen Gedanken und der Unreinheit des eigenen Geistes auf

Viele weitere Tools gibt es übrigens auch im Resilienz-Workshop Advanced am 20.10.2019. Schau doch vorbei!



Literaturverzeichnis

Dobelli, Rolf (2018): Die Kunst des guten Lebens. 52 überraschende Wege zum Glück. Unter Mitarbeit von El El Bocho. München: Piper.