Gerne möchte ich meine Erkenntnisse aus meinem letzten Buddhismus-Meditationskurs mit euch teilen. Der Kurs ging drei Tage lang und fand in den Schweizer Bergen statt. Geleitet wurde er von einem buddhistischen Mönch, der dort schon seit acht Jahren lebt, sein Mönchtum sogar schon seit 13 Jahren ausübt.


EXKURS: Die Lebensweise buddhistischer Mönche

Ein buddhistischer Mönch sein bedeutet, absolut NICHTS zu besitzen. Also wirklich gar nichts. Kein Geld, kein Haus, keine Kleidung. Lebensnotwendiges wie Essen leistet er sich nur auf Spendenbasis. Er besitzt nicht einmal Haare auf dem Kopf, diese werden radikal abrasiert. Sogar die orange Robe, die er trägt, ist geschenkt und gehört eigentlich dem Tempel, der Gemeinde. Ihnen ist sogar das Entgegennehmen von Geld für die Gemeinschaft untersagt (Roscoe, 2010). Durch diese strikte Lebensweise wird gewährleistet, dass er keinen Grund für ein großes Ego haben. Denn wie viele Menschen definieren ihren Selbstwert über ihr Auto oder ihren Beruf?

Fun Fact: Ein Mönch, der ein öffentliches Klo benutzen möchte, kann nicht beziehungsweise darf nicht, weil er ja die 50 ct, die das meistens kostet, gar nicht besitzt.


Ein Mönch mit Unsicherheiten?

Ein Mönch im Buddhismus ist auch ein Mensch, der seit Jahren nichts anderes macht, als in sich zu gehen. Sich besser kennenzulernen, achtsam mit sich selbst zu sein, täglich stundenlang zu meditieren, Skripte aus früherer Zeit über Buddhismus, Religionen und Spiritualität zu lesen. Ich empfand große Achtung vor diesem Menschen, da ich selbst aus eigener Erfahrung weiß, wie weise und leicht ich mich nach nur 10-tägiger Meditation fühlte – er aber praktizierte das schon jahrelang. Als nun die erste Meditation begann, trat der Mönch vor uns und wurde eindrucksvoll begrüßt. Doch als er anfing zu sprechen, war ich erstaunt – denn es war ihm sichtlich unangenehm. Er wurde ganz rot und zitterte. Im Rahmen des Kurses und damit wir etwas daraus mitnehmen können, teilte er all seine Gedanken und Gefühle mit uns. Er erklärte uns, dass es ihn verunsicherte, vor vielen Menschen sprechen zu müssen und vielleicht nicht genug kluge Dinge zu sagen. 


Wie der Mönch mich enttäuschte…

Ich ertappte mich dabei, wie ich ihn für seine Unsicherheit verurteilte. Ich dachte mir: „Was hast du in den letzten 13 Jahren gemacht?!“. Außerdem reagierte ich mit Frustration und mein Gedankengang war: „Wieso so viel in meine Persönlichkeit investieren, meditieren und an mir selbst arbeiten, so sehr zu versuchen, meinen Geist zu kontrollieren und achtsam und wertefrei mit mir selbst und meiner Umwelt zu sein, wenn es selbst nach 13 Jahren bei diesem Menschen nichts gebracht hat?“ Doch je mehr er erzählte und seine Gedanken teilte, desto mehr sah ich, was dieser Mensch schon alles erlebt und erleidet hatte. Er beschrieb uns all seine negativen Erfahrungen und Erlebnisse vor der Meditation, bis hin zu seinen Selbstmordgedanken. Ich glaube, es geht vielen Menschen so wie ihm, er hat sich uns jedoch gezeigt, denn sein Ego war nicht so groß, dass er sich vor uns verstecken wollte.


…und mich dadurch inspirierte.

Das nahm mir den Druck: nur weil ich schon seit einigen Jahren meditiere, mich persönlich weiterentwickle, Workshops mache, reflektiere und wachsen und besser werden möchte als Mensch, dachte ich, ich müsste schon so viel weiter sein. Auch mein Dasein als Coach und das Denken, ich müsste das Leben voll im Griff haben, ich dürfte keine Fehler mehr machen und keine Unsicherheiten haben, konnte ich dank ihm noch einmal überdenken und etwas Last von meinen Schultern fallen lassen. Es erleichterte mich zu wissen, dass es für eine Person, die schon so lange an sich arbeitet, ok war, diesen Prozess zu durchleben und auch immer wieder Rückschläge einzustecken. Immer wieder Herausforderungen gegenüberzustehen, denen er nicht gewachsen ist, bei denen er vielleicht rot anläuft und ihm doch noch wichtig ist, was Menschen von ihm denken, obwohl wir schon 13 Jahre lang im Kloster leben. Es hat mir geholfen zu akzeptieren, dass wir immer wieder mit Schwierigkeiten konfrontiert sein werden, aber dass es ok ist und dass ich nicht den Anspruch an mich habe, so weit sein zu müssen. Er motivierte mich dazu, diesen Weg zu beschreiten und in meine Entwicklung zu integrieren.


Es ist wichtig, Herausforderungen anzunehmen, sie zu meistern und in die eigene Entwicklung zu integrieren.

Was das für dich bedeutet

Auch du darfst versuchen in Situationen, wo du nicht zufrieden mit dir bist, weil du immer die gleichen Fehler machst, oder weil du vielleicht nicht so vorwärts gekommen bist wie du wolltest, dir selbst zu sagen: „Wenn das so erfahrenen Menschen auch passiert, dann darf es mir auch passieren und es ist ok.“ Und dass du es schaffst, netter zu dir selbst zu sein, wenn es um deinen eigenen Prozess und deine eigene Weiterentwicklung geht. Es ist nicht das Ziel, zu einem Menschen zu gelangen, der völlig „Ego-los“ ist, mit allem klarkommt und für den alles einfach ganz einfach ist. Der Weg ist das Ziel: es geht vielmehr darum, achtsam seine Makel zu beobachten und an und mit ihnen zu wachsen.

Zum Video geht’s mit einem Klick auf das Bild:

Literaturverzeichnis

Roscoe, Gerald (2010): Das gute Leben. Ein Wegweiser zum Buddhismus für den Westen. Zürich: Diogenes (Diogenes-Taschenbuch, 23988).